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Der Tag begann im Hafen von Romanshorn am Bodensee, mit diesem klaren, fast glaesernen Schweizer Licht. Am Kai glitzerte das Wasser, und die Berge standen so ruhig da, als haetten sie extra fuer Touristen geuebt, beeindruckend auszusehen.

Jonas schob seine Sonnenbrille hoch und sah auf den weißen Ausflugsdampfer, der gerade anlegte. Auf dem Bug stand in eleganten Buchstaben: “Seerose”.

Neben ihm zog Mara den Reißverschluss ihrer Jacke zu und grinste. Hinter ihnen klapperten die Masten im Romanshorner Hafen, und irgendwo brummte eine Faehre, die gerade ablegte.
„Also, Herr Nostalgie – bist du bereit für deine romantische Schiffsfahrt?“
„Romantisch“, murmelte Jonas, „bis du mich wieder zwingst, Selfies zu machen.“
„Ich zwinge niemanden. Ich motiviere.“
„Aha.“

Sie stiegen ein, kauften zwei Tickets und gingen an Deck. Es roch nach Wasser, Kaffee und ein bisschen nach altem Holz – dieser typische Geruch, den nur Schiffe haben, die schon viel gesehen haben.

Jonas blieb plötzlich stehen.

„Was ist?“ fragte Mara.
Er blinzelte, als hätte er etwas Unmögliches erkannt.
„Ich… ich kenn dieses Schiff.“
Mara zog eine Augenbraue hoch. „Du kennst… ein Schiff.“
„Nein, wirklich. Schau – die Sitzbänke, die Reling, sogar diese kleine Delle da am Pfosten.“ Jonas tippte auf eine Stelle, als wolle er einen Beweis vor Gericht präsentieren.
Mara lachte leise. „Jonas, du bist wie ein Blut­hund, nur für… Dellen.“

Das Schiff legte ab. Romanshorn blieb langsam zurueck, und das Wasser oeffnete sich weit., und das Wasser öffnete sich weit. Ein paar Möwen flogen nebenher, als würden sie mitfahren wollen, ohne zu zahlen.

Jonas ging unruhig ein paar Schritte. Immer wieder schaute er auf den Boden, auf die Planken, auf Fugen und Kanten.

„Du bist heute komisch,“ sagte Mara, halb amüsiert, halb neugierig. „Was suchst du? Den Schatz vom Vierwaldstättersee?“
Jonas zögerte. „Ich war vor Jahren schon mal hier. Mit Kommilitonen. Wir haben so eine Bootstour gemacht… und ich hab meine Uni-Mappe verloren.“
„Oh.“ Mara wurde sofort weicher. „Das ist mies.“
„Nicht die Mappe. Eine TETRAD.“ Jonas betonte es, als ginge es um ein Familienerbstück. „Mit meinen ganzen Vorlesungsnotizen.“
„Und die ist damals einfach… weg?“
„Ich dachte, sie ist ins Wasser gefallen oder jemand hat sie mitgenommen. Ich hab sie nie wieder gesehen.“
Mara lehnte sich an die Reling. „Und jetzt glaubst du, sie liegt hier irgendwo und wartet seit Jahren auf dich?“
Jonas schaute sie ernst an. „Ich weiß, wie sich das anhört.“
„Wie?“
„Wie ein Mensch, der zu viel Sonne abbekommen hat.“
Mara grinste. „Gut, dass ich dabei bin. Ich bin dein Schattenmanagement.“

Sie gingen Richtung Mitte des Schiffs. Jonas blieb wieder stehen. Dort, wo das Deck leicht anstieg, war eine Art Abdeckung aus Holz – ordentlich, aber an einer Stelle nicht ganz bündig.

Er kniete sich hin.
„Jonas…“ begann Mara vorsichtig. „Sag mir bitte, dass du jetzt nicht anfängst, das Schiff zu zerlegen.“
„Nein, nein. Schau mal.“ Er zeigte auf eine schmale Spalte zwischen zwei Planken. „Siehst du das? Diese kleine… Lücke.“
Mara hockte sich neben ihn. „Ja. Aber das ist doch…“
„Sicher,“ sagte Jonas schnell. „Ich greife da nicht rein wie in einen Horrorfilm. Ich guck nur.“
Mara musterte ihn. „Wenn du gleich schreist, werfe ich dich ins Wasser.“
„Abgemacht.“

Jonas nahm sein Handy und schaltete die Taschenlampe ein. Das Licht fiel in die Spalte. Er bewegte es langsam hin und her.

„Da ist… etwas,“ flüsterte er.
Mara beugte sich vor. „Ich sehe nur Staub. Und… oh, warte. Da ist wirklich was. Etwas Rechteckiges.“
Jonas schluckte. „Das kann nicht sein.“
„Jonas,“ sagte Mara ruhig, „wenn das jetzt deine Tetrad ist, dann schuldet dir das Universum eine Entschuldigung.“

Er zog vorsichtig einen Schlüsselbund aus der Tasche – nicht zum Hebeln, eher als Haken. Ganz langsam, ohne Kraft, schob er ihn in die Spalte und versuchte, das Rechteck heranzuziehen.

„Langsam,“ sagte Mara. „Ganz langsam.“
Jonas atmete flach. „Ich bin langsam. Ich bin die Schweiz in Person.“
„Du bist gerade eher Italien im Berufsverkehr.“

Ein bisschen Papier kratzte leise. Dann bewegte sich das Ding tatsächlich. Jonas bekam es an den Rand der Spalte.

Und plötzlich hatte er es in der Hand.

Eine schmale, dunkelblaue Tetrad, das Cover wellig, die Ecken aufgequollen. Der Titel war noch zu lesen, in verblasster Handschrift: “Physik II – Vorlesung”.

Jonas starrte darauf, als hätte ihm jemand gerade einen Brief aus der Vergangenheit zugesteckt.

„Nein…“ sagte er heiser.
Mara hielt sich die Hand vor den Mund. „Das… ist unmöglich.“
Jonas schlug das Cover vorsichtig auf. Die ersten Seiten klebten leicht, das Papier war feucht und weich, als hätte es den See jahrelang geatmet.

„Sie ist… noch da,“ flüsterte Jonas.
Mara lachte kurz, aber in ihren Augen glänzte es. „Jonas. Du hast gerade wirklich deine Uni-Notizen aus einem Schiffboden gerettet. In der Schweiz. Das ist so absurd, dass es schon wieder perfekt ist.“

Jonas fuhr mit dem Daumen über eine Zeile. Die Tinte war an manchen Stellen verlaufen, aber man konnte noch Wörter erkennen. Formeln. Randnotizen. Sogar ein kleiner Smiley, den er damals aus Trotz gemalt hatte.

„Ich hab die damals gehasst,“ sagte er leise.
„Die Notizen?“
„Das Fach.“ Jonas lächelte schief. „Und trotzdem… fühlt sich das gerade an wie… wie ein Stück von mir.“
Mara nickte. „Manchmal muss man Sachen verlieren, damit man merkt, was sie bedeuten.“
Jonas sah sie an. „Seit wann bist du so poetisch?“
„Seit ich mit dir verheiratet bin. Es färbt ab.“

Ein Windstoß kam über den See. Jonas klappte die Tetrad wieder zu und hielt sie fest an die Brust, als könnte sie gleich wieder verschwinden.

Mara tippte auf das wellige Cover. „Okay. Was machst du jetzt damit?“
Jonas überlegte. „Ich trockne sie. Seite für Seite. Vorsichtig.“
„Wie ein Museumsrestaurator.“
„Genau.“
Mara grinste. „Und dann?“
Jonas schaute aufs Wasser, auf die Berge, auf die Spur des Schiffs im See.
„Dann… nehme ich sie mit. Nicht wegen der Formeln. Sondern weil…“
„…weil sie dir beweist, dass du manchmal doch Glück hast?“
Jonas lachte leise. „Ja. Und weil ich anscheinend Dinge wiederfinde, wenn du bei mir bist.“

Mara schob sich näher an ihn und legte ihren Kopf kurz an seine Schulter.
„Dann solltest du mich nie wieder alleine nach Hause schicken.“
„Deal.“

Sie standen da, das Schiff fuhr ruhig weiter, und die Schweiz sah aus wie ein Postkartenmotiv, das sich selbst ernst nahm.

Mara zog ihr Handy hervor. „So. Und jetzt das obligatorische Foto.“
Jonas verdrehte die Augen. „Bitte nicht mit der Tetrad wie mit einem Fisch.“
„Doch.“
„Mara!“
Sie lachte. „Komm schon. Heb sie hoch. Du hast sie gerettet. Das ist dein Heldinnenmoment.“
„Heldinnenmoment?“
„Gendergerecht.“
Jonas seufzte, hob die feuchte Tetrad wie eine Trophäe und grinste trotz allem in die Kamera.

Klik.

Mara betrachtete das Bild, zufrieden.
„Perfekt. Und wenn du mir irgendwann wieder erzählst, dass Reisen nur teuer und anstrengend sind, zeige ich dir das.“
Jonas sah noch einmal auf das Cover in seiner Hand.
„Okay,“ sagte er. „Heute… war’s magisch.“

Und irgendwo unter den Planken, in derselben harmlosen kleinen Spalte, blieb nur Staub zurück – als hätte das Schiff jahrelang auf genau diesen Moment gewartet.

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