Die Fahrt auf dem Fahrgastschiff begann ruhig. Menschen suchten sich Plätze, schauten aufs Wasser, redeten leise miteinander. Alles wirkte wie eine ganz normale Ausfahrt – bis plötzlich ein dünnes, klagendes „Miau“ zu hören war.
Zuerst dachten einige, es komme von draussen. Doch das Geräusch kam eindeutig von unten, irgendwo aus dem Inneren des Schiffs. Eine Frau blieb stehen, hörte genauer hin und kniete sich bei einer Seitenverkleidung hin. Das Miauen antwortete sofort – schwach, aber hartnäckig.
Bald bildete sich eine kleine Gruppe. Jemand leuchtete mit dem Handy in eine schmale Fuge, ein anderer klopfte vorsichtig an den Boden. Und immer wieder dieses Miauen, als würde da unten jemand um Hilfe bitten.
„Wir sagen der Crew Bescheid“, meinte ein Passagier – und rief einen Mitarbeiter herbei.
Der hörte kurz zu, lächelte dann aber überraschend. „Ah… das kenne ich“, sagte er, als wäre es nichts Ungewöhnliches. Trotzdem holte er sofort ein Crewmitglied mit Handschuhen dazu. Aus Sicherheitsgründen wurde die Stelle freigemacht, ein kleiner Wartungsdeckel geöffnet – und aus der Dunkelheit blitzten zwei grosse Augen.
Ein Kater – nicht winzig, nicht verwildert, eher geschniegelt, nur etwas verstaubt – hockte in einer Ecke und miaute empört, als hätte man ihn bei etwas Verbotenem erwischt.
„Da bist du ja, Kapitän“, sagte das Crewmitglied trocken.
Die Passagiere stutzten. „Kapitän?“
Der Mitarbeiter lachte. „Nicht der Kapitän – unser Kapitän. Er lebt hier an Bord. Er gehört zum Schiff.“ Dann beugte er sich vor und streckte die Hand aus, ohne Hast. Der Kater schnupperte, gab ein beleidigtes „Mrrp“ von sich – und liess sich schliesslich herausheben, als wäre das Ganze bloss eine lästige Unterbrechung seines Tagesplans.
Oben an Deck war die Erleichterung sofort spürbar. Manche hatten schon befürchtet, ein hilfloses Jungtier stecke fest. Stattdessen stand da ein selbstbewusster Bordbewohner, der sich kurz schüttelte, den Schwanz hob und direkt Richtung Crew marschierte – ganz so, als hätte er einen festen Termin.
„Er heisst eigentlich anders“, erklärte die Crew, „aber alle nennen ihn nur noch den Kapitän. Er ist tagsüber überall: mal beim Steuerhaus, mal bei den Leinen, mal bei den Sitzreihen. Und manchmal – wenn er neugierig wird – verschwindet er in die Technik-Ecken. Heute ist er wohl zu weit reingekrochen.“
Ein paar Passagiere lachten, andere zückten schon die Handys. Der Kater liess sich das gefallen, solange niemand ihn bedrängte. Dann ging er zielstrebig zu einem Platz neben einer Tür, wo eine kleine Decke lag – sauber, ordentlich, offensichtlich nicht zufällig dort.
„Da schläft er oft“, sagte der Mitarbeiter. „Er hat sein Futter, Wasser und wird regelmässig kontrolliert. Er ist gechippt – und er ist wirklich Teil der Mannschaft.“
Die Fahrt ging weiter, aber die Stimmung war plötzlich anders: wärmer, näher. Fremde Menschen tauschten sich aus, zeigten einander Fotos, und jedes Mal, wenn der Kater durch die Reihen stolzierte, wurde es still – dann folgten Lächeln, leises Kichern, ein ehrfürchtiges „Schau mal!“.
Am Ende blieb von dieser Ausfahrt nicht nur die Erinnerung an die Fahrt selbst. Sondern an den Moment, als aus einem besorgten „Da miaut etwas!“ ein unerwartetes „Der wohnt hier“ wurde – und alle verstanden: Auf diesem Schiff ist die Katze nicht nur Passagier. Sie ist zuhause.
