Der Bodensee lag an diesem Morgen ruhig und weit vor ihnen, als hätte er beschlossen, den Tag langsam beginnen zu lassen. Das Wasser war klar und glatt, nur feine Wellenlinien bewegten sich sanft im Licht. Die Sonne stand noch tief und warf lange, warme Reflexe auf die Oberfläche des Sees. In der Ferne zeichneten sich die Berge weich gegen den Himmel ab.
Lena und Markus gingen langsam über den Steg. Das Holz unter ihren Füssen knarrte leise, und jeder Schritt klang ruhig und gelassen. Sie hatten keinen Zeitdruck, keinen festen Plan, nur das Gefühl, angekommen zu sein.
Markus blieb stehen und betrachtete die Yacht.
„Das ist wirklich etwas Besonderes“, sagte er ruhig. „So eine elegante Linie.“
Die Yacht lag still im Wasser, weiss und glänzend, als wäre sie Teil des Sees selbst. Lena trat näher, legte die Hand auf die Reling und liess ihre Finger langsam darüber gleiten.
„Es ist seltsam“, sagte sie nachdenklich.
„Was meinst du?“, fragte Markus.
„Ich weiss nicht …“, antwortete sie. „Sie kommt mir vertraut vor. Als hätte ich sie schon einmal gesehen.“
Markus lächelte.
„Vielleicht hast du einfach ein gutes Gefühl.“
Lena nickte, doch ihr Blick blieb ruhig und aufmerksam.
Sie stiegen an Bord. Markus überprüfte alles sorgfältig, löste die Leinen und startete den Motor. Die Yacht setzte sich langsam in Bewegung, fast lautlos. Das Ufer entfernte sich, die Geräusche des Hafens wurden leiser, und bald waren nur noch das sanfte Brummen des Motors und das leise Plätschern des Wassers zu hören.
Lena stellte sich an die Reling. Der Wind bewegte leicht ihre Haare, und sie schloss kurz die Augen.
„So fühlt sich Freiheit an“, sagte sie leise.
Markus nickte.
„Einfach fahren und schauen, wohin der See uns bringt.“
Eine Weile fuhren sie schweigend. Das Licht auf dem Wasser veränderte sich ständig, spiegelte den Himmel und die Sonne. Die Stimmung war ruhig, warm und offen.
„Weisst du“, begann Lena nach einer Weile, „ich war vor vielen Jahren auf einer Yacht, die dieser hier sehr ähnlich war.“
Markus schaute kurz zu ihr.
„Auch hier auf dem Bodensee?“
„Ja“, sagte sie. „Es war ein Tag wie heute. Ich hatte einen kleinen Stein dabei. Er war glatt, hell und lag gut in der Hand.“
Sie lächelte sanft.
„Ich habe ein kleines Herz hineingeritzt.“
„Warum?“, fragte Markus ruhig.
„Ich weiss es nicht mehr genau“, sagte Lena. „Vielleicht einfach, weil es sich richtig angefühlt hat.“
Sie atmete tief ein.
„Im Inneren der Yacht habe ich den Stein fallen lassen. Im Laderaum gab es ein kleines Loch. Es war völlig sicher, nichts Gefährliches. Der Stein ist hineingerutscht, und ich konnte ihn nicht mehr erreichen.“
Markus dachte kurz nach.
„Und jetzt hast du das Gefühl, er ist hier?“
„Ja“, sagte sie leise. „Ich weiss nicht warum.“
Gemeinsam gingen sie nach unten. Der Innenraum war ruhig und angenehm kühl. Das Holz glänzte weich im Licht. Lena kniete sich langsam hin und leuchtete mit dem Handy in die kleine Öffnung.
„Markus“, sagte sie leise. „Da ist wirklich etwas.“
Sie griff vorsichtig hinein und zog etwas hervor. Es war ein glatter Stein. Auf seiner Oberfläche war ein kleines Herz eingeritzt. Lena hielt ihn still in der Hand.
„Das ist er“, sagte sie ruhig.
„Genau dieser.“
Markus betrachtete den Stein aufmerksam.
„Das ist unglaublich“, sagte er. „Als hätte er auf dich gewartet.“
Neben dem Stein lag noch etwas. Lena bemerkte es und zog eine alte Glasflasche hervor. Das Glas war leicht matt, und innen lag ein zusammengefaltetes Papier.
„Schau mal“, sagte sie überrascht.
„Eine Flasche?“
Vorsichtig öffneten sie sie. Lena zog das Papier heraus und breitete es auf dem Tisch aus. Es war eine handgezeichnete Karte, mit einfachen Linien und einer klaren Markierung mitten auf dem See.
„Das ist nicht weit“, sagte Markus und zeigte darauf.
„Wir sind ganz in der Nähe.“
Sie blickten nach draussen. In der Ferne blitzte etwas im Wasser auf.
„Siehst du das Glitzern?“, fragte Lena.
„Ja“, antwortete Markus. „Lass uns hinfahren.“
Die Yacht glitt ruhig weiter. Das Licht unter der Wasseroberfläche wurde stärker, bewegte sich weich und lebendig. Die Stimmung war ruhig, fast feierlich.
„Ich fühle mich seltsam ruhig“, sagte Lena.
„Ich auch“, antwortete Markus.
Plötzlich wackelte die Yacht leicht und kam sanft zum Stillstand. Markus stellte den Motor ab und lachte leise.
„Wir stehen.“
Lena beugte sich über die Reling und sah ins klare Wasser.
„Eine Sandbank“, sagte sie lachend.
„Und das Glitzern … das sind nur die Sonnenstrahlen.“
Sie sahen sich an und lachten gemeinsam. Ruhig verliessen sie die Yacht, traten ins seichte Wasser und standen nebeneinander. Die Sonne wärmte ihre Haut, der See lag still um sie herum.
„Manchmal“, sagte Lena leise, „ist es genug, einfach hier zu sein.“
Markus nickte.
„Genau hier.“
Der Bodensee blieb ruhig, und der Moment gehörte nur ihnen.
